Serielle Sanierung auf dem Prüfstand: Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit im Vergleich
Die energetische Sanierung von Mehrfamilienhäusern steht zunehmend unter doppeltem Druck: Einerseits müssen Gebäude wirtschaftlich modernisiert werden, andererseits steigen die Anforderungen an Klimaschutz, Ressourceneffizienz und Wohnqualität. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Serielle Sanierung als industrialisierte, modular vorgefertigte Lösung an Bedeutung.
Doch wie schneidet sie im direkten Vergleich mit einer konventionellen Fassadensanierung ab? Und welche Rolle spielen dabei Investitionskosten, Lebenszyklusbetrachtung und Umweltwirkung?
Vergleichsstudie für eine Berliner Wohnsiedlung
Im Oktober 2024 beauftragte ein Beratungsunternehmen für die Öffentliche Hand IPROconsult gemeinsam mit den Praxispartnern Holzbau Plan+Werk und BMT consulting | development mit einer anbieterneutralen Vergleichsstudie. Untersucht wurde die Sanierung einer Wohnsiedlung in Berlin-Zehlendorf mit dreigeschossigen Mehrfamilienhäusern und insgesamt 198 Wohnungen.
Grundlage der Untersuchung bildeten Bestandsfotos, Grundrisse sowie eine Begehung vor Ort. Schnell zeigte sich jedoch, dass für belastbare Aussagen eine ergänzende Bauwerksdiagnostik erforderlich war, um verlässliche Erkenntnisse zu Statik und Bauweise zu gewinnen. Die Siedlung erwies sich mit ihren unterschiedlichen Fassadengestaltungen als komplexes Untersuchungsfeld. Gerade diese Vielfalt ermöglichte es jedoch, verschiedene Optionen realitätsnah darzustellen und systematisch zu vergleichen.

Drei serielle Varianten im direkten Vergleich
Zu Beginn analysierte das Projektteam die Gebäude hinsichtlich Statik, Brandschutz und Energieverbrauch – unter anderem mit Blick auf das Erreichen des Effizienzhaus-Standards 55. Auch konstruktive Besonderheiten wie Balkone, Loggien, Sockelbereiche und Dachüberstände wurden detailliert betrachtet.
Schließlich legte sich das Team auf drei serielle Varianten fest: einen hinterlüfteten Holzbau mit Entfernung der Balkone und Dachüberstände, einen verputzten Holzbau sowie einen hinterlüfteten Metallbau unter Beibehaltung der bestehenden Geometrien. Diese drei Lösungen wurden eingehend untersucht und einer konventionellen Sanierung mit Wärmedämm-Verbundsystem (WDVS) gegenübergestellt.

Lebenszyklus als Bewertungsmaßstab
Besonderes Augenmerk legten die Partner auf die Lebenszyklusanalyse der seriellen Varianten. Dabei wurden Herstellung, Transport und Einbau ebenso bewertet wie Rückbau und Recyclingfähigkeit der Materialien.
Beim Primärenergieeinsatz zeigt sich der Holzbau als ökologischste Lösung. Der Metallbau eröffnet hingegen ein hohes Potenzial, wenn der gesamte Produktlebenszyklus einschließlich Recycling betrachtet wird. Entsprechend differenziert fiel die Ökobilanz aus. Die herkömmliche WDVS-Methode ist in Bezug auf die Umweltwirkung unterlegen.
Lediglich bei den reinen Investitionskosten – ohne Berücksichtigung des Bonus für serielle Sanierung im Rahmen der Bundesförderung für effiziente Gebäude – zeigt das WDVS zunächst Vorteile. Diese relativieren sich jedoch im Lebenszyklus durch qualitative Nachteile sowie durch sogenannte „weiche“ Faktoren wie die stärkere Belastung der Mieter während der Bauphase, ein weniger nachhaltiges Erscheinungsbild und geringere Langlebigkeit. Die schnelle Montage der im Werk vorgefertigten Elemente erweist sich insbesondere im bewohnten Bestand als klarer Vorteil der seriellen Lösungen.

Fazit: Nachhaltigkeit verändert die Bewertung
Im Mai 2025 lag das Ergebnis der Studie vor. Die zentrale Erkenntnis: Bei der Sanierung von Mehrfamilienhäusern sollte der Blick nicht allein auf die Investitionskosten über einen Zeitraum von 20 Jahren gerichtet werden. Werden Umweltschutz, Lebensqualität und Nachhaltigkeit systematisch einbezogen, relativiert sich der Kostenvorteil der konventionellen Sanierung deutlich.
Entscheidend bleibt die sorgfältige Analyse jedes einzelnen Gebäudes. Erst auf Basis belastbarer und vergleichbarer Kennwerte lässt sich die jeweils geeignete Sanierungsvariante bestimmen – eine Aufgabe, die in der Verantwortung der planenden Fachleute liegt.
